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Anti-Aging-Experte Prof. Bernd Kleine-Gunk: „500 Jahre werden möglich sein“

Professor Bernd Kleine-Gunk ist einer der führenden deutschsprachigen Anti-Aging-Mediziner, Präsident der German Society of Anti-Aging Medicine und Autor zahlreicher Bücher. Im Gespräch verrät er, wie unsere Lebenserwartung sich entwickeln wird, welche Technologien im Kommen sind und wie wir schon heut etwas für ein langes Leben tun können.

Menschen können bis zu 140 Jahre alt werden, sagt der israelische Forscher Chaim Cohen. Halten Sie das für möglich?
Der Weltrekord liegt bisher bei 122 Jahren. 1997 ist die Französin Jeanne Calment in diesem Alter gestorben. Seitdem ist niemand älter geworden. Das scheint also die biologische Obergrenze zu sein für das, was wir mit gesundem Lebensstil und Hormonersatz erreichen können. Wenn wir in absehbarer Zeit dann Stammzelltechnologien, genetische Therapien und Ähnliches zur Verfügung haben, schlagen wir ein neues Kapitel auf. Dann wird die Lebenserwartung drastisch steigen.

Forscher streiten sich darum, ob die Gene oder vielmehr der Lebensstil unsere Lebenserwartung bestimmt. Wie sehen Sie das?
Die meisten Wissenschaftler sind sich einig, dass zu etwa 30 Prozent die Genetik und zu rund 70 Prozent der Lebensstil verantwortlich ist. Selbst wenn Sie nicht die besten Gene mitbekommen haben, können Sie also vieles durch eine gesunde Lebensweise kompensieren. Wenn Sie derzeit jedoch 120 Jahre alt werden wollen, brauchen Sie wirklich sehr gute Gene und sollten möglichst eine Frau sein, da Frauen im Durchschnitt 5 bis 6 Jahre länger leben als Männer.

In Ihrem Buch „15 Jahre länger leben“ beschreiben Sie, wie wir unser Leben verlängern können. Was müssen wir dafür tun?
Erstmal sollten wir alles weglassen, was nachgewiesenermaßen das Leben verkürzt: Vor allem das Rauchen. Dann die Ernährung und Bewegung optimieren. Das ist zwar nicht sonderlich spannend, aber immer noch die Basis. Das, was die Oma schon immer erzählt hat, ist auch weiterhin wichtig: Mehr Bewegung, viel Obst und Gemüse essen, Fleisch lieber durch Fisch ersetzen. 

Und wenn wir das schon gemacht haben?
Manchmal reicht gesunde Ernährung nicht aus, dann müssen wir eventuell zu Ersatzstoffen greifen. Zum Beispiel bei Vitamin D: Die Werte, die die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt, sind im deutschen Winter nicht zu erreichen, außer Sie verbringen drei Wochen in der Karibik. Ein Mangel von Vitamin D führt aber zu Osteoporose, und inzwischen weiß man auch, dass er sich negativ auf unser Immunsystem und unsere Psyche auswirkt. Ein weiteres Beispiel sind Omega-3-Fettsäuren. Ich kenne kaum jemanden, der genügend Fisch isst, um auf die empfohlenen 1000mg täglich zu kommen. Auch der Hormonersatz nach den Wechseljahren wirkt sich positiv aus. Da erleben Frauen oft, dass sie zum ersten Mal wieder richtig schlafen können und die Hitzewallungen weg sind. Gleichzeitig beugt der Hormonersatz auch der Osteoporose vor.

Gibt es da nicht auch Risiken?
Natürlich, als Mediziner müssen wir immer die Vorteile gegen die Risiken abwägen. In einigen Fällen verzichten wir dann auf Hormone, zum Beispiel bei Thrombose oder Krebs in der Familiengeschichte. Auf jeden Fall gilt: keine Selbstmedikation!

Stichpunkt Vitamin D: Lässt die Sonnenstrahlung uns nicht schneller altern?
Ich bin da nicht ganz einer Meinung mit den Dermatologen. Wir sollten natürlich Sonnenbrand vermeiden, und zu viel Sonnenlicht erhöht das Krebsrisiko. Aber das hängt sowohl von der Dosis, wie auch vom Hauttyp ab. Die Empfehlung, Sonnenlicht ganz zu meiden, führt in die falsche Richtung.

Aktuell gilt das Fasten als das Anti-Aging-Mittel schlechthin.
Das ist es auch. Kalorienrestriktion ist eine sehr gute Maßnahme, das haben Studien an Laborraten bereits vor 80 Jahren gezeigt: Wenn man ihnen weniger zu essen gab, lebten sie deutlich länger. Das belegen inzwischen auch Studien an Menschen. Aber für kontinuierliches Fasten müssten Sie schon sehr asketisch leben, das würde ich nicht empfehlen. Eine praktikable Alternative ist das Intervallfasten, sodass man beispielsweise ab 16 Uhr bis zum Frühstück nichts mehr isst.

Und was bringt das?
Fasten ist zunächst einmal Stress für den Körper. Allerdings aktiviert dieser Stress die sogenannten Sirtuine, also Enzyme, die molekularbiologischen Abfall beseitigen. Arnold Schwarzenegger würde es vermutlich „Cleaning House“ nennen. Diese Langlebigkeitsenzyme machen es wie wir Menschen: Wenn die Verhältnisse draußen eher ungünstig sind, konzentrieren wir uns auf die liegen gebliebenen Hausarbeiten daheim. Hausputz in den Hungerphasen, das ist das Geheimnis der Sirtuine.

Gerade arbeiten Forscher im Silicon Valley fieberhaft daran, das menschliche Leben zu verlängern. Sie züchten digitale Knochen, sammeln Datenberge oder entfernen überalterte Zellen von Mäusen. Wie sehen Sie diese Entwicklungen?
Da bin ich mit den Unternehmern und Vordenkern im Silicon Valley absolut einer Meinung. „Longevity is the next big thing.“ 

Werden wir bald immer mehr zu Maschinen?

Eine Denkrichtung geht tatsächlich in diese Richtung, man bezeichnet sie als Transhumanismus. Danach werden wir uns immer stärker mit Technik verschmelzen, der Mensch der Zukunft wird quasi eine Art Cyborg. Da ist zweifellos viel SF-Ideologie dahinter. Aber im Moment wird weltweit unglaublich viel geforscht, und das wird die Medizin revolutionieren: Tissue Engineering, Stammzellforschung, Nachbau ganzer Organe und Verlängerung der Telomere, also der biologischen Uhren in unseren Zellen. Gerade werden Techniken erprobt, die schon in den nächsten Jahren in den klinischen Alltag eingeführt werden und einen radikalen Effekt auf Alterungsprozesse haben.

Zum Beispiel?

Soeben ist die erste Humanstudie über sogenannte Senolytika angelaufen. Senolytika beseitigen seneszente Zellen. Das sind Zellen, die sich nicht mehr teilen und ihren Funktionen nicht mehr nachkommen, aber nicht ganz abgestorben sind. Sie verursachen chronische Entzündungsprozesse, und werden auch Zombie-Zellen genannt, weil sie ihre Umgebung mit ihrem Alter anstecken. Das ist ähnlich wie bei einem Korb mit Äpfeln: Der faule Apfel verdirbt die anderen. Senolytika töten diese Zombie-Zellen endgültig ab. Das ist eine der vielversprechenden Ansätze der neuen Anti-Aging Medizin.

Welche Auswirkungen wird das haben?

Wenn die Techniken ausgereift sind, kommen wir von der präventiven in eine regenerative Medizin. Das Gewebe kann nicht nur geschützt werden, sondern es wird nachgezüchtet und ersetzt. Damit werden irgendwann nicht nur 120, sondern auch 500 Jahre möglich. Die heute 30-Jährigen können wahrscheinlich bereits zwischen 150 und 200 Jahre alt werden.

Tatsächlich?

Ja, davon bin ich überzeugt. Schauen Sie sich einmal andere Bereiche an, zum Beispiel die Technik. Wenn uns vor 40 Jahren jemand gesagt hätte, in 2019 wird jeder mit einem kleinen Telefon das ganze Weltwissen abfragen können und anschließend auch noch sein Abendessen fotografieren, sodass die ganze Welt es sehen kann – da hätte man wohl auch gesagt: Nun mach mal halblang.

Manche wollen gleich den Tod mit abschaffen.

Das wird so schnell nicht gehen. Selbst wenn Altern eine behandelbare Erkrankung wird und Sie sehr lange leben, werden Sie deshalb nicht unsterblich. Irgendwann werden Sie einen Autounfall haben, von einem Tsunami überrollt oder von einem verrückten Salafisten in die Luft gesprengt. Potenziell wird es möglich sein, sehr viel länger zu leben. Aber sterben müssen Sie trotzdem.

Welche medizintechnischen Erfindungen halten Sie für besonders vielversprechend?

Vor allem die Bereiche Prothetik und Tissue Engineering. Arm- und Beinprothesen werden technisch immer ausgefeilter, Organe können ersetzt werden. Das künstliche Herz wird sicherlich kommen, genau wie Neurochips für Hörgeschädigte oder transkranielle Magnetstimulation bei Parkinson. Ich bin viel in China unterwegs, mit Shenzhen haben die Chinesen ihr eigenes Silicon Valley geschaffen. Da stürzen sich derzeit alle auf die Themen Biotech und Lebensverlängerung. Im Moment ist die Situation dort wie vor 40 Jahren im Bereich Computer und IT. Es gibt viele kleine Startups mit tollen Ideen. Wo das Apple oder Microsoft aus dem Bereich herkommt, das werden wir natürlich erst in den nächsten 10 Jahren erfahren.

Auch Tech-Giganten investieren in Altersforschung.

Und zwar mit Nachdruck. Google hat beispielsweise das Tochterunternehmen Calico – California Life Company – gegründet. Das hat ein ganz klares Ziel: Altern zu behandeln. „Killing death" heißt das branchenintern, wie aus einem Italowestern. 1,5 Milliarden Anschubfinanzierung – das macht man nicht, wenn man sich davon keinen Erfolg verspricht. Auch die neue Apple-Watch wird zu einem 24-Stunden-Diagnosegerät, das die Herzfrequenz, Atmung und Schlaf permanent kontrolliert. In fünf bis zehn Jahren werden wir unser gesamtes Genom und Mikrobiom kennen, über Wearables kontinuierlich alle wichtigen Körperfunktionen checken und uns alle zwei Jahre durch hochauflösende Scanner fahren lassen, die auch noch den kleinsten Tumor entdecken können.

Sehen Sie auch Gefahren, die von den neuen Technologien ausgehen?

Die gibt es natürlich. Jedes Zukunftsszenario lässt sich entweder rosarot oder tiefschwarz ausmalen. Vor allem linke Kritiker mahnen, dass eine neue Zweiklassengesellschaft entstehen kann. Die neuen Technologien werden am Anfang sehr, sehr teuer sein. Eine privilegierte Klasse, die darauf Zugriff hat, wird dann immer älter und gesünder. Aber erfolgreiche Dinge erobern schnell einen großen Markt. Heute rennt auch jeder mit einem Smartphone herum. Für viele ist es die Erfüllung eines Menschheitstraums, hundert Jahre alt werden zu können. Andere sagen: Wenn alte Männer in Chefsesseln sitzen und nicht sterben – was dann? Dazu kommt das Problem der Überbevölkerung. Natürlich bekommen sehr langlebige Menschen wahrscheinlich weniger Kinder. Aber wie ist es, in einer Gesellschaft zu leben, in der viele sehr alt werden, aber kaum noch einer jung ist?

Sie freuen sich dennoch auf die Zukunft. Warum?

Die Geschichte zeigt, dass die Menschheit meist doch vom technologischen Fortschritt profitiert hat. Wenn Sie sich die Lebensverhältnisse 1919 angucken, werden Sie feststellen: Den meisten Menschen geht es heute deutlich besser. Bei allen Kollateralschäden, die neue Technologien mit sich bringen, überwiegt letztlich zumeist doch das Positive.

Würden Sie denn gern 500 Jahre alt werden?

Bei 500 Jahren bin ich mir nicht so sicher, das kann zum Ende hin vielleicht doch etwas zäh werden. Aber die nächsten 200 oder 250 Jahre könnte ich mich auf jeden Fall gut beschäftigen. 

 

 
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