"Ich treibe Geld ein"

Dr. Harald Vogelsang und Uwe Seeler im Welt am Sonntag-Interview.

Hamburg, 26. April 2015 – HSV-Legende Uwe Seeler und Haspa-Chef Harald Vogelsang über die Stiftungshauptstadt Hamburg – und über Auswege aus der Zinskrise – Von Norbert Vojta.

Das Gelände des Hamburger Fußballverbandes in Jenfeld - hier werden Fußballkarrieren gestartet, wenn alles gut läuft. Ein idealer Ort, um mit der HSV-Legende Uwe Seeler zu sprechen. Und auch mit Harald Vogelsang, Haspa-Chef und ebenfalls sportbegeistert. Doch die beiden verbindet noch mehr - sie sind stark in Stiftungen engagiert. Ihr gemeinsames Ziel ist es, Not zu lindern.

Welt am Sonntag:
Uwe Seeler, Sie haben 1996 die Uwe Seeler Stiftung gegründet. Warum eigentlich?

Uwe Seeler:
Ich habe schon immer als Spieler für wohltätige Zwecke zur Verfügung gestanden. Da habe ich mal ein Ball mit Unterschrift, ein Trikot, eine Sporthose oder meine Fußballschuhe für einen guten Zweck weggegeben. Das wollte ich intensivieren.

Was macht Ihre Stiftung genau?

Seeler:
Wir helfen behinderten Menschen und auch welchen, die in Not geraten sind. Und wir fördern den Behindertensport.

Herr Vogelsang, ist es heute aufwendig, Stiftungen zu gründen?

Harald Vogelsang:
Man benötigt jedenfalls Rat vom Notar, Rechtsanwalt und Wirtschaftsprüfer.

Kann die Haspa Hamburg Stiftung dabei helfen?

Vogelsang:
Ja, weil wir sie als Dachstiftung gegründet haben, können wir Menschen helfen, ihre Stiftungen unter unserem Dach leichter zu gründen.

Ihre Haspa Hamburg Stiftung feiert schon 10-jähriges Jubiläum. Ihr Resümee?

Vogelsang:
Wir sind überwältigt vom Erfolg. Nach 10 Jahren versammeln sich über 220 Stiftungen unter unserem Dach mit über 76 Millionen Euro Kapital. 5 Millionen Euro konnten wir seitdem ausschütten. Damit hatten wir im Traum nicht gerechnet.

Uwe Seeler, warum sollte ich eine Stiftung gründen?

Seeler:
Weil die Not riesengroß ist. Ich habe das selbst nie geglaubt. Ich bekomme nicht einzelne Briefe, sondern in Paketen. Gott sei Dank kann ich in vielen Dingen helfen. Ich verbrüdere mich auch ab und zu mit Franz Beckenbauer und dessen Stiftung. Da können wir auch mal beide zusammen helfen. Ich möchte noch eben etwas zur Haspa Hamburg Stiftung sagen.

Bitte sehr…

Seeler:
Ältere Leute, die eine Stiftung gründen wollen, sind gut beraten, das nicht allein zu tun. Das können viele Menschen einzeln gar nicht allein auf die Beine stellen. Da brauchen sie die Hilfe. Bei der Haspa Hamburg Stiftung können sie selbst entscheiden, wofür das Geld ausgegeben werden soll.

Was ist Ihre Hauptmotivation?

Vogelsang:
Wir wollen anderen helfen, viel leichter ihre Stiftungsideen zu verwirklichen. Man braucht ja, um eine eigene Stiftung zu gründen - wie Uwe Seeler das gemacht hat - ein gewisses Stiftungskapital, damit der administrative Aufwand auch getragen werden kann. Das erleichtern wir durch eigene Mitarbeiter, die diesen Service kostenfrei anbieten.

Wie schaffen Sie es, dass Ihr Stiftungskapital nicht weniger wird?

Seeler:
Indem ich ständig unterwegs bin und Geld eintreibe. Ich schütte als Einzelstiftung, so lange ich aktiv sein kann, sehr viel aus. Das sind im Durchschnitt über 300.000 Euro im Jahr. Ich hoffe, dass ich noch lange gesund und munter bin.

Wie sollte man bei den Niedrigzinsen das Kapital gut anlegen?

Seeler:
Darf ich als Nichtbanker antworten?

Nur zu!

Seeler:
Ich habe keine Ahnung. (lacht)

Und Sie?

Vogelsang:
Ein bisschen (lacht). Keine Frage, es ist schwieriger geworden. Es gibt schon eine Reihe von Stiftungen, die versucht haben, ihr Anlagevermögen behutsam zu verändern.

Was wäre die klassische Anlagevariante?

Vogelsang:
Das Geld in Staats- oder Bundesanleihen anzulegen. Daneben noch in Termingeldern oder ähnlichen Dingen. Das wirft ja aber heute kaum noch Erträge ab, nahezu nichts.

Was sollte eine Stiftung dann machen?

Vogelsang:
Wer die Bereitschaft hat, vorsichtig auch in Aktien oder Immobilien-Investments hineinzugehen, der kann heute noch Erträge erwirtschaften.

Müssen das Stiftungen tun?

Vogelsang:
Ja, weil sie sonst ihren Kapitalerhalt nicht mehr sichern können.

Haben Sie Ihre Stiftung vielleicht auch gegründet, um das Image zu polieren?

Vogelsang:
Nein. Das wäre anders viel einfacher gewesen. Da hätten wir uns sehr viel Arbeit sparen können und hätten das Geld für Werbung und anderes eingesetzt. Wir wollten und wollen in der Stiftungshauptstadt Hamburg diesen Gedanken weiter fördern.

Gibt es denn viele Kunden, die eine Stiftung gründen wollen?

Vogelsang:
Ja. Es gibt viele Menschen, die gegen Ende ihres Lebens oder auch 20 oder 30 Jahre vorher sich Gedanken machen, was aus dem Vermögen mal werden soll. Ihr Wunsch ist es, das Vermögen in sichere Hände zu geben.

Gibt es noch andere Gründe?

Vogelsang:
Häufig sagen Kunden, dass es die Haspa doch schon seit fast 200 Jahren gibt. Sie hätten gehört, dass sich die Haspa selbst gehört. Sie sei zwar keine Stiftung, funktioniere aber so ähnlich. Wäre es nicht möglich, dass die Haspa sich um ihr Vermögen kümmere? Wir mussten früher immer Nein sagen. Das geht jetzt besser.

Ab wie viel Euro kann ich eine Stiftung gründen?

Vogelsang:
Man kann ab 100.000 Euro bei uns eine Treuhandstiftung gründen. Diese haben einen eigenen Namen und Zweck.

Geht es auch billiger?

Vogelsang:
Ja. Ab 25.000 Euro kann man einen sogenannten Stiftungsfonds unter dem Dach unserer Stiftung errichten. Oder man kann mit 100 oder 1.000 Euro direkt in das Vermögen unserer Stiftung zustiften.

Uwe Seeler, werden Sie ein Testament aufsetzen, in dem Sie Ihre Stiftung vererben?

Seeler:
Ich bin dabei zu überlegen, ob meine älteste Tochter die Stiftung in meinem Sinn weitermacht. Die Frage ist dann natürlich immer, wenn man Stiftungen führt und vom Grundkapital keine Zinsen mehr bekommt, wer macht das, wer schafft das an?

Wie macht man das am besten?

Seeler:
Da kann ich ihnen im Moment noch gar nichts sagen. Da bin ich mit mir in der Beratung.

Herr Vogelsang, könnten Sie da nicht Uwe Seeler dabei helfen?

Seeler:
Ich glaube schon.

Vogelsang:
Ich kann Ihnen persönlich ein Gespräch anbieten. Wir haben aber Experten, die das noch besser können. Die machen den ganzen Tag nichts anderes, als sich mit Kunden gemeinsam solche Gedanken zu machen.

Kann Uwe Seeler denn nun seine Stiftung vererben?

Vogelsang:
Das kann er nicht. Die Stiftung ist ja eine selbstständige Stiftung. Die gehört ihm ja in diesem Sinne gar nicht.

Seeler:
Ich kann meine Stiftung nur an meine älteste Tochter weiterleiten.

Vogelsang:
Das ist ja aus Sicht der Gemeinschaft gerade das Charmante, dass dieses Stiftungsvermögen in eine selbstständige Stiftung eingebracht ist und nicht wieder zurückgezogen werden kann. Das ist der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt. Deshalb ist es auch steuerlich begünstigt gewesen.

Seeler:
Ich kann meine Stiftung aber auflösen. Indem das ganze Kapital, was noch da ist, für einen guten Zweck weggegeben wird. Dann ist meine Stiftung geschlossen.

Kann man eine Stiftungsgründung auch rückgängig machen?

Vogelsang:
Ganz, ganz schwer. Eigentlich gar nicht. Wenn, dann muss man sich schon geirrt und etwas anders gewollt haben. Der Zweck einer Stiftung ist es ja, dass sie auch für eine Ewigkeit angelegt ist.

Keine Ausnahmen?

Vogelsang:
Es gibt Fälle, wo das Stiftungskapital nicht besonders groß ist und die Rahmenbedingungen sich verändert haben. Oder die Stiftung immer noch da ist, aber der Zweck schon erreicht ist.

Können Stiftungen zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen?

Seeler:
Ich glaube eher, dass die Stiftungen helfen können, Not zu lindern. Ich persönlich habe ja nun nichts geerbt und komme aus ganz einfachen Verhältnissen. Das, was ich habe, habe ich mir erarbeitet. Da bin ich ganz stolz drauf. Aber auch auf meine Eltern.

Inwiefern?

Seeler:
Die waren einfach gestrickt und sehr liebevoll. Meine Eltern, die nicht viel gehabt haben, haben immer gesagt: Uwe, denk dran, Geld ist nicht alles. Du musst immer versuchen, so wenig das auch sein mag, Not zu lindern.

Haben Sie das auch gemacht?

Seeler:
Das habe ich mir sehr zu Herzen genommen. Weil ich auch etwas zurückgeben will von dem Glück, das ich durch den Sport und auch durch meine beruflichen Aktivitäten recht gut verdient habe. Davon möchte ich etwas abgeben. Daher habe ich auch meine Stiftung gegründet. Alle wissen, dass das keine großen Worte von mir sind: Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, dadurch, dass ich sehr vielen Menschen helfen kann, schmeckt mir das Essen, wenn ich mit meiner Frau essen gehe, weitaus besser.

Wie sehen Sie das?

Vogelsang:
Genauso. Helfen im direkten Kontakt, das ist das Wichtigste, was Spender und Stifter tun können. Insbesondere, wenn sie sich persönlich einbringen können. Das schöpft auch den größten Nutzen. Menschliche Wärme ist viel mehr wert als das Geld.

Unterstützen Sie die Uwe Seeler-Stiftung auch?

Vogelsang:
Wir veranstalten jedes Jahr ein Michel-Konzert für unsere Mitarbeiter. Da geht die Hälfte der Einnahmen, die wir erzielen und dann als Haspa noch einmal verdoppeln, an den Michel und die andere Hälfte im vorvergangenen Jahr an die Uwe Seeler-Stiftung.

Seeler:
Nach dem Konzert hat er auch noch etwas Gutes für mich persönlich getan.

Das wäre?

Seeler:
Er hat mich an den Würstchenstand eingeladen. Das waren hervorragende Würstchen, die ich sehr gerne esse. Die wurden von seinen Töchtern serviert. Das war sehr schön und ein richtig guter Abschluss.

Schlägt Ihr Stiftungsherz weiter, sollte Ihr HSV in die Zweite Bundesliga stürzen?

Seeler:
Mein Herz wird immer für den HSV schlagen. Egal, was passiert. Ich wäre allerdings sehr traurig. Das muss ich ganz ehrlich gestehen.

Herr Vogelsang, was wollten Sie schon immer mal von Uwe Seeler wissen?

Vogelsang:
Wie das war, 1966 im Wembley Stadion nach dem verlorenen Endspiel gegen England mit gesenktem Kopf vom Platz zu gehen.

Seeler:
In dem Moment war das für uns niederschmetternd. Nicht, weil wir verloren hatten, sondern weil es kein Tor war. Ich weiß nicht, was den Schweizer Weltschiedsrichter, Gottfried Dienst, damals geritten hat. Man kann nicht Eckball geben und dann plötzlich zurücknehmen und dann ein Tor geben. Das geht nicht. Es war ein Eckball. Ich stand ja mitten im eigenen Strafraum und der Linienrichter war 50 Meter entfernt. Der Ball war nicht drin.

Uwe Seeler, was wollten Sie von Harald Vogelsang immer schon einmal wissen?

Seeler:
Ob er notfalls noch beim HSV eingesetzt werden kann, hinten als Libero.

Herr Vogelsang, wäre das eine Position für Sie?

Vogelsang:
Libero wäre für mich schlecht. Ich war in der Schulmannschaft immer im Tor. Das ging so einigermaßen.

Seeler:
Torwächter haben wir natürlich gute. Da kann ich nicht meckern. Wir bräuchten noch so einen Richtigen, der die ganze Abwehr organisiert, so dass wir zu null spielen. Da gibt es ja das alte und so beliebte Sprichwort: "Wenn ich zu null spiele, kann ich nicht hoch verlieren." Und dann wäre es ganz schön, häufiger vorne zu treffen.